Wenn das Ende ein Anfang ist – Predigt über Lukas 21,25–33

Wenn das Ende ein Anfang ist – Predigt über Lukas 21,25–33

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der kommt – Christus, das Licht der Welt.
Hören wir auf unseren Predigttext aus [[Lukas 21,25-33]]

1. Wenn die Welt ins Wanken gerät

„Dann werden Zeichen geschehen an Sonne, Mond und Sternen …“
Schon die ersten Worte unseres Predigttextes führen uns in eine Welt, die wankt. Lukas beschreibt sie mit Worten, die im ganzen Neuen Testament kaum wiederkehren: ἀπορία – Weglosigkeit, συνοχή – Beklemmung, σάλος – Erschütterung, ἀποψύχω – das Aussetzen des Atems, wenn die Angst zu groß wird.
Es sind Wörter, die scheppern und beben, die mehr sind als poetischer Schmuck. Sie halten fest, wie es sich anfühlt, wenn Menschen sagen: Ich weiß nicht mehr weiter. Es gibt keinen Weg. Die Luft bleibt mir weg.

Vielleicht ist das der Grund, warum uns dieser Text heute so vertraut klingt, obgleich er so fremd ist:
Wir kennen Tage, an denen die Nachrichten uns überrollen; Nächte, in denen der Atem stockt. Wir kennen Katastrophen, Kriege, Aufruhr. Wir kennen das Gefühl, dass das Meer der Ereignisse stürmt, dass die Dinge außer Kontrolle geraten.

Lukas spricht eine Sprache, die unsere Ängste nicht bagatellisiert. Aber er spricht sie mit erstaunlicher Würde. Er übernimmt die Worte aus der Markusüberlieferung – dort grell, hart, apokalyptisch – und er verwandelt sie in eine hohe, fast feierliche Sprache. Er nimmt dem Schrecken nicht die Schärfe, aber er nimmt ihm das Barbarische.

Vielleicht, weil er uns etwas Wichtiges zeigen will:
In allen Erschütterungen der Welt geht es für Lukas nicht um Angst, sondern um Orientierung.

2. Der Menschensohn – wenn Gott menschlich erscheint

Mitten hinein in dieses Beben wird eine Gestalt genannt: der Menschensohn.
Ein rätselhafter Titel. Ein „Menschenkind“ – und doch mehr. Seit Daniel 7 trägt dieser Ausdruck einen doppelten Boden: Eine menschenähnliche Gestalt kommt mit den Wolken des Himmels, im Gegensatz zu den Bestien, die aus dem Chaosmeer aufsteigen. Auf der einen Seite das Reich der Gewalt, der Macht, der Unmenschlichkeit. Auf der anderen Seite der Menschensohn: die humane Macht Gottes.

So erscheint er auch hier bei Lukas: nicht als Richter mit Donnerworten, sondern als der, der Gottes rettende Herrschaft repräsentiert.

Die Welt mag erzittern, sagt Lukas.
Aber das Ziel ist nicht das Chaos.
Das Ziel ist der, der kommt.

„Dann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.“

Viele haben über diesen Satz gestritten: historisch? symbolisch? späterer Zusatz?
Aber für die Predigt ist eines entscheidend:
Christus kommt nicht aus dem Chaos – er kommt hinein in unser Chaos.
Nicht als Bedrohung, sondern als Gegenbild. Nicht als Bestie, sondern als Mensch.


3. Die große Wende: Vom Schrecken zum Zuspruch

Und nun geschieht die große lukanische Drehung.
Markus erzählt von Engeln, die die Erwählten sammeln.
Lukas lässt das weg.
Warum?

Weil er etwas anderes betonen will:
Wie die Glaubenden reagieren sollen.

Er sagt nicht: Fürchtet euch!
Er sagt:
„Richtet euch auf und erhebt eure Häupter – denn eure Erlösung naht!“

Der große Umschlag des Textes vollzieht sich in einem einzigen Satz.
Alles, was zuvor beschrieben wurde – Weglosigkeit, Beklemmung, Erschütterung – ist nur das Vorspiel.
Das Ende der Welt ist nicht das Ende.
Das Ende ist der Moment, in dem Gott aufrichtet.

Und aufrichten – das ist das Verb der Erlösten, nicht der Verängstigten.


4. Was wir sehen – und was wir daraus schließen

Jesus erzählt daraufhin ein kleines Gleichnis. Von der Feige und allen anderen Bäumen. Wenn sie austreiben, sagt er, wisst ihr: der Sommer kommt.

Damit sagt Jesus zweierlei:

  1. Die Zeichen der Zeit machen nicht ratlos, sondern wach.
    Sie sollen nicht in Panik versetzen, sondern in Aufmerksamkeit.
  2. Der Sommer steht für Gottes kommende Herrschaft.
    Das Ziel des Ganzen ist nicht das Verbrennen der Welt, sondern ihre Erneuerung.
    Nicht das Auslöschen, sondern das Aufblühen.

Es ist eine erstaunliche Pointe:
Das Ende wird mit dem Sommer verglichen.
Nicht mit Frost, nicht mit Finsternis.
Mit Jahreszeit, Licht und Wachstum.


5. „Diese Generation wird nicht vergehen …“

Ein Satz bleibt rätselhaft:
„Diese Generation wird nicht vergehen, bis alles geschieht.“

Viel wurde darüber geschrieben – zu Recht.
Wörtlich haben die ersten Christen das Ende der Welt nicht erlebt.
Und dennoch: So rätselhaft die Zeitangabe ist, so klar ist das Entscheidende im nächsten Satz:

„Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.“

Was bleibt also?
Nicht der Zeitplan.
Nicht die Angst.
Nicht die Katastrophe.
Sondern: Jesu Zusage.

Mitten in einer Welt, die wankt, bleibt ein Wort, das trägt.
Mitten in Erschütterungen bleibt eine Stimme, die ruhig ist.
Mitten in Weglosigkeit bleibt ein Weg.


6. Erlösung – das Wort, das fehlt und plötzlich da ist

Nur einmal findet sich in den Evangelien das Wort apolytrōsisErlösung.
Und zwar hier.

Warum gerade hier?

Vielleicht, weil Lukas zeigen will, dass am tiefsten Punkt der Geschichte – wenn Sonne, Mond und Sterne „Zeichen“ geben und das Meer tobt – Gott sich am klarsten zeigt:

Nicht als Zerstörer,
nicht als Gewitter,
nicht als kosmischer Richter,
sondern als der Erlöser.

Erlösung heißt: Die bedrückten Menschen richten sich auf.
Erlösung heißt: Das Chaos hat nicht das letzte Wort.
Erlösung heißt: Gott macht frei – und er macht heil.


7. Und was heißt das für uns?

Wir leben in einer Welt, die vieles von dem kennt, was Lukas beschreibt.
Zeichen an Himmel und Erde – vielleicht nicht kosmisch, aber politisch, ökologisch, sozial.
Erschütterungen, die durch Mark und Bein gehen.
Weglosigkeit, Beklemmung, Atemlosigkeit.

Unser Text will uns nicht vertrösten.
Aber er will uns aufrichten.

Wenn diese Dinge geschehen, sagt Jesus,
erhebt eure Häupter.

Das ist erstaunlich:
Nicht weglaufen.
Nicht ducken.
Nicht verkrampfen.
Sondern aufrichten.

Warum?
Weil das, was uns Angst macht, nicht das letzte Wort hat.
Weil der Menschensohn kommt – der, der Menschlichkeit bringt, wo Unmenschliches regiert.
Weil Gott am Ende der Geschichte nicht eine Verwüstung plant, sondern eine Erneuerung.
Weil über allem Chaos ein Wort steht, das nicht vergeht.


8. Der Sommer Gottes

Vielleicht kann man die Botschaft des Textes so zusammenfassen:

Wenn die Welt friert, kündigt Jesus den Sommer an.
Wenn alles wankt, sagt Jesus: Richtet euch auf.
Wenn die Luft ausgeht, sagt Jesus: Eure Erlösung naht.

Lukas erzählt die Endzeit nicht, um Angst zu machen.
Er erzählt sie, damit Menschen Hoffnung lernen.
Damit sie inmitten des Bebens wissen:
Gott kommt – und er kommt als Mensch.

Und darum dürfen wir heute, mitten in unserer Zeit, glauben:
Das Ende der Geschichte ist kein Abgrund.
Es ist der Anfang des Sommers Gottes.


Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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