Predigt Unterensingen – 08.05.2022

Predigt Unterensingen – 08.05.2022

über 1. Mose 1-4a.26–31; 2, 1–4a

Der Schöpfungsteppich, 11 – 12. Jahrhundert, Wandteppich, 365 × 470 cm, Kathedrale von Girona, Girona.
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Quelle: Wikimedia Commons

I. Das Gewebe des Lebens

Im spanischen Girona ist aus dem 11. Jahrhundert einer der ältesten Teppiche Europas erhalten. Er zeigt die Schöpfungsgeschichte, wie sie die Bibel erzählt.
Alle Geschöpfe sind eingewoben ein ein großes Rad.
Erdige Rot-, Braun- und Grüntöne herrschen auf dem fein gewebten Tuch vor. Daneben ein tiefes Blau für den Himmel und darauf mit seidenen Fäden gestickt ein paar Tupfen, Funken von Gold für das strahlende Licht.

Wie das Licht ist die Finsternis Teil von Gottes Schöpfung. Denn das Dunkle gehört in den Kreis des Lebens hinein.
Der blühende, fruchtbare Garten hat seinen Platz darin und der reißende Strom.
Das Unbekannte, das in der Tiefe wohnt, und das Leichte, Beflügelnde, für das die Vögel stehen mögen. Der wilde Löwe gehört dazu und das scheue Reh. Und schließlich auch Mann und Frau. Sie alle sind in dem Rad einander zugeordnet. Jedes hat sein Gegenüber. Keines steht für sich. Feine Fäden, sichtbare und unsichtbare, sind zwischen ihnen gesponnen.

In der Mitte des Rades ist der Schöpfer angedeutet. Von ihm her strömt die Kraft zu, die alles belebt. Wer sich von dem Bild ansprechen lässt, wird in eine Bewegung hineingenommen, die zur Mitte führt. Von der Mitte her erst wird sichtbar, woher wir kommen und wohin wir gehen, was uns gegeben ist und was werden kann.

Das ist die Bewegung, die auch die Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 1 mit uns vollzieht. Sie führt uns von der Mitte her zur Mitte hin. So zeigt sie uns mit dem Ursprung auch das Ziel und im Ende den Anfang.

Der Schöpfungsteppich, 11 – 12. Jahrhundert, Wandteppich, 365 × 470 cm, Kathedrale von Girona, Girona.

Wie einen Teppich rollt die Geschichte die Schöpfung vor unseren Augen aus.  
Sie macht das Gewebe des Lebens sichtbar. 
Ein Gefüge unzähliger miteinander verknüpfter Fäden. 

Die Erzählung fragt nicht, wie alles entstanden ist.  

Das ist die Frage der Wissenschaft, und die hat ihr Recht!  

Die Schöpfungsgeschichte verbietet diesen wissenschaftlichen Zugang nicht. Sie selbst wählt einen anderen.  

Sie fragt:
Was ist der Sinn des Ganzen?  

Die Bibel beschreibt keine Naturgeschichte und liefert kein Entstehungsprotokoll ab, sondern sie bezeugt uns die Liebe Gottes zur Erde als seiner Schöpfung.  
Sie will uns aufmerksam machen auf das, was unsere Erde und unser Menschsein bestimmt und auszeichnet.  
Der Sinn der Schöpfung liegt darin, dass Gott sich seiner Welt zuwendet und ihr in Liebe zugewandt bleibt. 

Diese bleibende Zuwendung kommt in dem kurzen Gotteswort zum Ausdruck: »Es werde Licht«!  
Das Wort »Licht« meint nicht das Licht, das Sonne, Mond und Sterne ausstrahlen. 
Die Gestirne werden nach der Erzählung erst am vierten Tag geschaffen. 

Mit dem Licht des ersten Tages spricht Gott der Welt die grund-legende Lebensgrundlage zu. Es geht um das Licht seiner Liebe, das auf die Erde strahlt.  Das unterstreicht der Satz: »Gott sah das Licht, dass es gut ist« Es ist lebensvoll und lebensförderlich, wärmend und erleuchtend. 

Gott sieht, was er geschaffen hat, als »gut«, am Ende sogar als »sehr gut« an.  
In diesem liebenden Blick hat alles, was lebt, Ansehen bei Gott.
In jedes Leben hat er den Glanz seiner Liebe hineingewoben. 

Doch der Glanz scheint der Welt mehr und mehr verlorenzugehen. Wer Augen hat zu sehen und nicht wegschaut, sieht vieles, was nicht gut ist.

Unsere Erde und das Leben auf ihr sind vom Tod bedroht. Die größte Gefahr sind wir Menschen selbst. Ein Riss geht mitten durch das fein gewebte Gefüge des Lebens hindurch.  

Aus dem Miteinander von Mensch und Erde, von Mensch und Tier, von Mensch und Mensch ist ein Gegeneinander geworden. 

Statt die Grenzen des anderen zu achten, überschreiten wir sie immer mehr.

Wir haben die Erde rücksichtslos ausgebeutet und große Gebiete als Lebensraum vernichtet.  

Die Gier der reichen Völker dieser Erde macht die armen Länder immer noch ärmer.  

Wir zerstören die Ozonschicht und verändern das Klima mit schrecklichen Folgen.  

Wir quälen die Tiere und rotten viele Arten aus.  

Wir Menschen haben die Herrschaft über die Erde übernommen.  

Was anfänglich ein Segen schien, ist für die Erde und das Leben auf ihr zum Fluch geworden.  

Die Kreatur seufzt.  

Nicht allein mit, sondern oft genug unter uns.

Wir brauchen eine ernste Umkehr, einen veränderten Blick auf die Erde und einen neuen Lebensstil.  

Wir brauchen es, dass wir mit den Augen Gottes auf die Erde und unseren Auftrag schauen lernen.  

Die ersten Verse der Bibel wollen uns das Herz öffnen für solch eine neue Sicht. 

In das Gefüge der Schöpfung werden die Menschen mit einem besonderen Auftrag eingewiesen.  

Der Mensch ist darin das einzige Lebewesen, das Verantwortung übernehmen kann und soll.

»Vom Herrschen« und »untertan Machen« spricht Luthers Übersetzung.  

Das kann man leicht missverstehen.  
Und es wurde oft unheilvoll angewendet.  
Als solle und dürfe sich der Mensch der Erde gegenüber wie ein kriegerischer Feldherr verhalten oder gar gegen die Erde kämpfen.  

Als gäbe der Schöpfergott zur Zerstörung und Ausplünderung unseres Planten sogar noch seinen Segen!  

Doch ein Unterwerfen der Erde unter die Menschen oder gar ein Niedertrampeln von Tieren und Pflanzen ist hier nicht gemeint.  

Es gibt Bilder aus dem Alten Orient, die zeigen den König, wie er einen Fuß sachte auf ein vor ihm lagerndes Tier setzt. Währenddessen wehrt er mit der Hand einen anstürmenden Löwen ab. Damit schützt er das schwächere Tier und erweist sich als sein Hüter. 

Hirten und Hüterinnen der Welt zu sein, ist uns also aufgetragen, nicht sie auszubeuten.  

Das Schwache in Schutz zu nehmen, die Erde gegen alle Mächte des Chaos zu verteidigen die gute Ordnung der Schöpfung zu bewahren, dazu hat Gott uns Menschen beauftragt.  

Wir sollen stellvertretend für ihn, als seine königlichen Repräsentanten, uns um das Leben in seiner Schöpfung sorgen.  

Das ist eine hohe Würde und eine große Verantwortung, die Gott seinen Menschen zumutet – und zutraut.  

Solange sie nicht vergessen: »Der sogenannte »Herrschaftsauftrag« ist […] eigentlich ein »Hüteauftrag«!

So hoch wir Menschen auch angesehen sind, wir sind nicht die Krone der Schöpfung.  

Die Krone der Schöpfung ist der Sabbat.  

Nicht mit der Erschaffung der Tiere und der Menschen am sechsten Tag vollendete Gott die Schöpfung, sondern mit dem Sabbat. 

Sabbat heißt »Aufhören«, »Ruhen«.  

In der Ruhe vollendet sich die Welt und aus der Ruhe schöpft sie die Kraft für ihre Erneuerung. In die Ruhe ist Segen gelegt.  

Nicht nur für uns, sondern für die ganze Schöpfung.  

Sie bewahren, Hüterinnen und Hirten zu sein für sie, heißt nicht zuletzt: sie in Ruhe lassen! 

Können wir das:  

uns selbst, uns einander, unserer Welt die Ruhe gönnen?  

Wir haben alle gelernt, vieles zu tun.  

Wir haben es vielleicht sogar geschafft, manches gleichzeitig tun zu können.  

Es ist uns gelungen, immer höher, schneller, weiterzukommen.  

Doch noch mehr zu lernen haben wir, wie es geht, vieles nicht zu tun, auf manches zu verzichten.  

Nach meiner Erfahrung ist die Ruhe für unsere körperliche und seelische Gesundheit lebenswichtig.  

Sie gehört zum Grundrhythmus des Lebens. Es ist der uns von unserem Ursprung her gewährte Wechsel von Arbeit und Ruhe, von Tun und Lassen, von Einsatz und Erholung, der unser Lebensrad in Schwung und unsere Arbeitsfreude am Leben hält.

Die ersten sechs Schöpfungstage werden jeweils abgeschlossen mit der Formel: »Und es ward Abend und Morgen …«  

Beim siebten Tag fehlt der Abschluss. Deshalb nennt der Kirchenvater Augustin ihn den »Tag ohne Abend«.

Der Sabbat öffnet die Schöpfung über die Grenzen der Zeit hinaus für Gottes Ewigkeit und uns Menschen für das Lob des Schöpfers.  

Ich werde erinnert: Die Welt und ich selbst – wir sind nicht nur von ihm geschaffen, sondern wir sind auch zu ihm hin (3) geschaffen.  

Ich erkenne im Ursprung auch das Ziel meines Lebens und glaube, wo ich das Ende wähne, an einen neuen Anfang.  

An diesem »zu ihm hin« aber werde ich mein Leben lang zu üben haben. 

Wie die Fäden eines Teppichs miteinander verknüpft sind, so sind wir mit Gott verwoben.  

In ihm leben, weben und sind wir.  

Und zu ihm hin hat er uns geschaffen.   Amen.

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