Nicht nur einer von uns

Nicht nur einer von uns

Predigt zu Matthäus 3,13–17 (1. Sonntag nach Epiphanias)

Liebe Geschwister,
wir haben vorhin das Glaubensbekenntnis gesprochen.
Alte Worte. Große Worte.
„Gott von Gott,
Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott.“

Sind ihnen diese Worte leicht über die Lippen gegangen?
Oder schwerer?
Klangen sie vertraut oder fremd?

Diese Worte sind eine Zusammenfassung von dem, was wir glauben.
Jedoch sind sie älter als wir.
Sie stehen vor uns.
Und sie sagen mehr, als wir uns oft zu sagen trauen.

Denn mit ihnen bekennen wir nicht nur:
Jesus ist uns wichtig.
Sondern auch:
In diesem Menschen, in Jesus, begegnet uns Gott selbst.

Und das ist der Punkt,
an dem es spannend und zugleich unbequem wird.

Denn diese Worte widersprechen einer Vorstellung, die wir oft von Jesus haben.
Jesus als Kumpel.

Was, wenn Gott einer von uns wäre?
So fragt Joan Osborne in ihrem Lied „One of us“.
Hören wir kurz mal rein!
Ab 0:16 bis 3:03

Wenn Gott einen Namen hätte,
wie würde er heißen?
Und würdest du ihn dann auch damit anreden, wenn du ihm begegnest in all seiner Macht und Herrlichkeit?
Was würdest du fragen,wenn du nur eine Frage frei hättest?
O.K., Gott ist groß, und Gott ist gut.
Was, wenn Gott einer von uns wäre?
Einfach so ein Typ wie wir.
Einfach ein Fremder im Bus, der versucht seinen Weg nach Hause zu finden.

  • Pause
    Wenn Gott ein Gesicht hätte, wie würde es aussehen?
    Und würdest du es anschauen wollen?
    Auch dann, wenn Sehen bedeuten würde, dass du glauben müsstest?
    An so Sachen wie den Himmel und Jesus und die Heiligen.
    Und all die Propheten?

O.K., Gott ist groß, und Gott ist gut.
Aber was, wenn er einer von uns wäre.
Genauso normal wie wir.
Ein Fremder im Bus auf dem Weg nach Hause.
Wieder rauf in den Himmel, allein.
Und keiner ruft ihn mehr an, außer vielleicht der Papst in Rom.

Diese Vorstellung passt gut in unsere Zeit.
Gott ist nah aber nicht zu nah.
Er ist menschlich.
Er ist verletzlich.
Er ist nicht zu fordernd.
Und nicht zu konkret.
Eben einer, der versteht, wie es uns geht.
Unauffällig. Austauschbar.
Am Ende: allein.

Hier setzt unser heutiger Predigtext aus Matthäus 3,13-17 an.

Gott – einer von uns?

Jesus steht im Jordan.
Nicht erhöht.
Nicht abgesondert.
Nicht umgeben von Licht.
So, wie alle anderen auch.

Er steht im Wasser,
das von so vielen Füßen schon trüb geworden ist.
Wasser, in dem Menschen ihre Schuld lassen,
ihre Hoffnung suchen,
ihre offenen Fragen abwaschen möchten.

Er steht da, wie alle anderen.
Nass.
Verletzlich.
Eingereiht.

Man könnte an ihm vorbeigehen,
ohne ihn zu bemerken.
Kein Wort von ihm.
Keine Geste.
Kein Anspruch.

Wenn ich mir das vorstelle,
dann denke ich:
Ja – so ist Gott vielleicht.
Einer von uns.
Mitten drin.
Solidarisch.
Mitleidend.
Nah.

Ein Gott,
der sich nicht absetzt,
der nicht über den Dingen schwebt,
sondern im Wasser steht.

Und für einen Augenblick scheint alles still zu stehen.
Der Fluss fließt weiter,
aber es ist,
als hielte die Welt den Atem an.

Denn dann geschieht etwas,
das niemand machen kann.
Weder Johannes.
Noch Jesus.
Und am wenigsten die Umstehenden.

Der Himmel öffnet sich.
Nicht laut und auch nicht spektakulär.
Aber unwiderruflich.
Wie ein Vorhang,
der zur Seite gezogen wird.

Der Geist Gottes kommt herab.
Nicht als Sturmwind,
sondern leicht,
wie ein Vogel,
der einen Ort sucht, um zu bleiben.

Und es ertönt diese Stimme.
„Dies ist mein lieber Sohn.“

Und in diesem Moment wird klar:
Jesus steht nicht nur, wie wir, im Wasser.
Sondern er ist einer,
den Gott beim Namen nennt.

Was wäre, wenn Jesus nicht nur einer von uns wäre?

Hier verschiebt sich alles.
Die Frage lautet plötzlich nicht mehr:
Wie menschlich ist Jesus?
Sondern:
Wie anders ist Jesus?

Was wäre, wenn Jesus nicht nur einer von uns wäre, sondern Gottes Sohn?

Dann wäre die Taufe Jesu mehr als ein schönes Bild.
Mehr als religiöse Symbolik.
Mehr als eine spätere Zuschreibung.
Dann wäre sie Wirklichkeit.

Zwei verschiedene Gottesbilder

Ein Gott, der „einer von uns“ ist,
entsteht aus unserer Erfahrung.

Wir denken ihn,
wenn es uns gut geht.
Wir fühlen ihn,
wenn wir getragen sind.
Wir erzählen von ihm,
wenn wir Worte finden.

Aber was ist,
wenn diese Erfahrung fehlt?

Was ist,
wenn der Trost ausbleibt?
Wenn das Gebet leer klingt?
Wenn die Worte nicht mehr tragen?

Dann wird ein Gott, der einer von uns ist, schnell leise.
Je mehr sich unsere Stimmung verschlechtert,
desto mehr zieht er sich zurück.
Er verschwindet mit unserer schwindenden Kraft.

Was würde fehlen, wenn Jesus nur einer von uns wäre?

Dann wäre Gott am Ende nur ein Gedanke.
Ein Gefühl.
Eine Erinnerung.

Dann würden wir beim Beten vor allem uns selbst hören.

Dann hinge der Glaube daran, wie stark, wie überzeugt, wie religiös wir gerade sind.

Gott ist nicht einsam

Joan Osbournes Lied endet traurig:
Gott fährt wieder hinauf – allein.

Doch hier wiederspricht das Evangelium:
Hier, während der Taufe Jesu, meldet sich Gott selbst zu Wort.
Er legt sich fest.
Er bindet sich.
„Dies ist mein lieber Sohn.“
Gott ist nicht einsam.
Gott ist Vater und Sohn.
Gott ist Beziehung.

Und deshalb kann Gott mit uns Beziehung haben.
Nicht weil wir ihn suchen und ihn gefunden haben, sondern weil er uns anspricht.
Als Sohn Gottes haben wir in Jesus ein Gegenüber.
Dann hängt Gott nicht daran,
ob ich ihn spüre.
Nicht daran,
ob ich ihn verstehe.
Und auch nicht daran,
ob ich ihn heute glauben kann.

Dann bleibt Gott Gott,
auch wenn mein Glaube wankt.
Auch wenn ich zweifle.
Auch wenn ich schweige.

Das ist unbequem, weil es mich nicht zum Maßstab macht.
Aber es ist verlässlicher, weil Gott nicht mit mir untergeht.

Die eigentliche Zumutung

Das besondere an Weihnachten ist, dass Gott Mensch, einer von uns, wird.

Das Spektakuläre an dieser Taufe ist:
Gott zeigt sich.
Nicht als Gedanke.
Nicht nur als Gefühl.
Sondern in seinem Sohn.

Gott kommt mir in der Gestalt Jesu entgegen.
Gott kennt mich, mit allen meinen Kanten und Macken.
Er spricht mich an, auch wenn ich sprachlos bin.
Gott bleibt, mit offenen Armen, auch wenn er mir fremd geworden ist.
Wer diesem Sohn begegnet, begegnet Gott selbst.
Immer wieder neu.
Amen

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